



Geleitwort der Pfarrerin für Oktober-November 2026
„Zur Freiheit hat uns Christus befreit! So steht nun fest
und lasst euch nicht wieder das Joch der Knechtschaft auflegen!“ (Galater 5,1; Monatsspruch Oktober)
Liebe Gemeinde,
wir leben in einem freien Land und können erstaunlich viel selbst entscheiden: wie wir leben, was wir glauben, mit wem wir unser Leben verbringen, welchen Beruf wir wählen, was wir kaufen und essen, wofür wir unsere Zeit einsetzen.
So viel Freiheit kann auch anstrengend sein. Denn mit all den Möglichkeiten wächst die Erwartung, aus dem eigenen Leben etwas zu machen. Wir möchten die richtigen Entscheidungen treffen, etwas leisten, gut für uns sorgen, erfolgreich sein, dabei möglichst zufrieden aussehen. Und wenn etwas schiefgeht, liegt schnell die Frage in der Luft: Was hast du falsch gemacht?
Paulus kannte unsere moderne Welt nicht. Als er von Freiheit schrieb, ging es um einen anderen Konflikt. In den christlichen Gemeinden in Galatien wurde darüber gestritten, welche Voraussetzungen Menschen erfüllen mussten, um wirklich zu Christus und zur Gemeinde zu gehören. Paulus war überzeugt: Gottes Zuwendung muss sich niemand verdienen. Christus hat den Menschen den Weg zu Gott geöffnet. Darum beginnt Paulus‘ Satz auch nicht mit einer Aufforderung: Befreit euch! Er beginnt mit einer Zusage: Christus hat euch befreit.
Diesen Gedanken nahm Martin Luther rund 1500 Jahre später auf. In seiner Schrift „Von der Freiheit eines Christenmenschen“ formulierte er zwei Sätze, die sich auf den ersten Blick widersprechen: „Ein Christenmensch ist ein freier Herr über alle Dinge und niemandem untertan.“ – „Ein Christenmensch ist ein dienstbarer Knecht aller Dinge und jedermann untertan.“ Der erste Satz erzählt von einer großen Freiheit. Vor Gott müssen wir unseren Wert nicht beweisen. Wir müssen uns unseren Platz nicht verdienen. Unsere Leistung entscheidet nicht darüber, ob wir von Gott angenommen sind. Gottes Zuwendung ist ein Geschenk.
Wir tragen trotzdem manchmal ein Joch, von dem Paulus spricht. Die Erwartungen anderer können eines sein. Der Anspruch, alles richtig zu machen. Der Druck, etwas vorweisen zu können. Die Sorge, was andere über uns denken. Es braucht manchmal viel Standfestigkeit, sich solche Joche nicht auflegen zu lassen. „Steht fest“, schreibt Paulus.
Dann kommt Luthers zweiter Satz: Der freie Mensch wird zum „dienstbaren Knecht“. Auch Paulus schreibt wenige Verse später: „Durch die Liebe diene einer dem andern.“ Das ist die andere Seite christlicher Freiheit. Wer seinen eigenen Wert nicht ständig beweisen muss, bekommt den Kopf und die Hände frei. Frei, um sich einem anderen Menschen zuzuwenden. Frei, um Unterschiede auszuhalten. Frei, um zu helfen. Frei, um zu lieben.
Vielleicht lässt sich evangelische Freiheit im Reformationsmonat Oktober so zusammenfassen: Ich muss mir Gottes Liebe nicht verdienen. Ich darf aus ihr leben. Und gerade deshalb bin ich frei, mich anderen zuzuwenden.
Oder mit Paulus: Zur Freiheit hat uns Christus befreit. Und: In Christus zählt der Glaube, der durch die Liebe tätig ist.
Ihre Pfarrerin Anne Kampf

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