Verstehst du auch, was du liest?          Apostelgeschichte 8,30b

Als Kern reformatorischer Lehre gelten vier Kurzformeln (die auch „reformatorische Exklusivpartikel“ genannt werden). Es sind die Ausdrücke allein Christus (lateinisch: solus Christus), allein durch Gnade (sola gratia), allein durch die Schrift (sola scriptura) und allein durch Glauben (sola fide). Durch sie können grundlegende reformatorische Gedanken erklärt werden.


Liebe Leserin, lieber Leser,

allein aufgrund der Schrift (sola scriptura) – dieser Grundsatz richtete sich in der Reformationszeit gegen die fraglose Geltung von Traditionen. Die kirchlichen Traditionen sollten vielmehr an den biblischen Texten gemessen werden. Dass man sich der Bibel mit ihren Originalsprachen Hebräisch (Altes Testament) und Griechisch (Neues Testament) zuwandte, war auch der humanistischen Bewegung zu verdanken. Die Bewegung, der man den Leitspruch „zu den Quellen“ (ad fontes) zuordnet, führte zu einem vertieften Bibelstudium.

Damit nicht nur die Gelehrten sich den Text erschlossen, sondern vielen Menschen die Schrift zugänglich gemacht wurde, wurde die Bibel ins Deutsche übersetzt. Neben anderen hat Martin Luther zuerst das Neue, dann das Alte Testament ins Deutsche übersetzt und mit dieser Übersetzung theologisch und kulturgeschichtlich unüberbietbar gewirkt. Die Übersetzungen auch von anderen Reformatoren wie z.B. die etwa zeitgleich entstandene Zürcher Bibel von Ulrich Zwingli und Leo Jud waren von dem Anspruch getragen, das Wort Gottes allen zugänglich zu machen – auch und gerade den vielen Menschen, die kein Latein verstanden. Die Reformation ist so auch eine Bewegung religiöser Bildung.

Seit dem 18. Jahrhundert wird die Bibel vor allem im Protestantismus „historisch-kritisch“ untersucht. Es wird der historische Entstehungsprozess und das Gewordensein der Texte beachtet. Außerdem wird festgestellt, wie ein Text aus einem bestimmten kulturellen Umfeld und religiösen Vorstellungen verstehbar ist. Die Bibel nicht einfach vom Himmel gefallen. Die angewandten wissenschaftlichen Methoden ermöglichen ein tieferes Verstehen.  

Jedoch kann mir keine Methode abnehmen zu prüfen, was uns die Bibel heute sagt. Der Umgang ist für mich sicherlich ein kritischer, aber kein distanzierter. Geschichten und Aussagen rühren mich an oder stoßen mich ab, ich stimme mit ein oder ärgere mich daran. Die Bibel lädt mich nicht dazu ein, nur Ja und Amen zu sagen. Sie fordert mich oft heraus. Nach einiger Zeit erschließen sich mir bekannte Texte neu und ehemals mir wichtige Texte haben nicht mehr diese Bedeutung wie früher.

Sola scriptura – was könnte dieser reformatorische Grundsatz heute heißen?

Früher haben bestimmte Traditionen und die Sprache den Zugang zum Text verstellt. Heute gilt es, Auslegungstraditionen nicht fraglos zu folgen. Wer schon vorher weiß, was die Bibel „sagt“, braucht nicht mehr hinein zu schauen. Wenn allein die Schrift gilt, dann braucht es zwar einen kritischen Blick auf die Geschichten und Texte. Es bedarf aber auch einer Erwartung und Offenheit: dass die Texte etwas über mich, die Welt und Gott zu sagen haben und dadurch Orientierung bieten.

Eine schöne (nach)österliche Zeit wünscht Ihnen

Ihr Pfarrer Joachim Winkler