Jahreslosung 2018
Gott spricht: Ich will dem Durstigen geben von der Quelle des lebendigen Wassers umsonst.
          Offenbarung 21,6


Liebe Leserin, lieber Leser,

in der Woche vor dem Ewigkeitssonntag im letzten Jahr habe ich in der 4. Klasse mit den Kindern über ihre Erfahrungen vom Tod gesprochen. Die Schülerinnen und Schüler zeigten sich sehr offen und berichteten z.B. vom Tod der Großmutter oder des Großvaters, oder auch des Haustiers. Ich war berührt von der Offenheit und von manchen Erzählungen. Ein Mädchen aber wollte darüber nicht reden. Sie hat gefragt: „Warum müssen wir denn über den Tod reden?“ Wie dem Mädchen wird es wohl auch manchem in der Passionszeit gehen. Von Leid und Tod zu hören und sich darüber Gedanken zu machen, ist nicht angenehm. Manche wollen das lieber nicht an sich herankommen lassen. Schon die Erwähnung macht manchem ein beklommenes oder unbehagliches Gefühl. Mit Leid und Tod beschäftigen wir uns nicht so gerne.

Der Glaube hat es mit dem Schönen und Erhabenen im Leben, aber auch mit den Abgründen zu tun. Oft wissen wir nicht, wie wir mit Tod, Leid, Sünde und Schuld umgehen sollen. Der Glaube bietet jedoch Formen, einen Umgang mit diesen Themen zu finden. Sie werden in diesen Formen ernst genommen. Im Gottesdienst stellen wir uns ihnen in Text und Musik. Das aber verändert auch unseren Umgang mit Leid und Tod.

Betrachten wir das christliche Symbol: das Kreuz. Es ist zunächst das Zeichen einer Machtdemonstration, ein Marterinstrument und zur Abschreckung gedacht. Das Kreuz als Zeichen des römischen Imperiums zeigt, wie mit Aufständischen umgegangen wird. Die Ohnmacht der Gekreuzigten und die Macht des Staates werden für alle sichtbar.

Im Christentum bleibt dieser Bezug zum Leid und zum Tod. Nichts wird beschönigt. Besonders das Kreuz als Kruzifix, also als Darstellung von Jesus Christus am Kreuz, bringt Leid und Tod, Hingabe und Opfer zum Ausdruck. Häufiger jedoch ist in den evangelischen Kirchen kein Kruzifix, sondern das bloße Kreuz zu sehen. Somit erinnert es zwar auch an die Passion und den Tod Christi. Durch die sichtbare Abwesenheit Christi jedoch ist das Kreuz nun Zeichen seiner Auferstehung: „Er ist nicht hier, er ist auferstanden.“ Das bloße Kreuz erinnert an seinen Tod, aber auch daran, dass dieser Tod nicht das letzte Urteil über ihn war. Somit bietet das Kreuz beides zugleich: eine Erinnerung an Leid und Tod und die Hoffnung auf Überwindung, dadurch dass Gott neues Leben in der Auferstehung schenkt.

- Leid und Tod werden nicht verleugnet, aber im Zeichen des Kreuzes wird ein bestimmter Umgang damit gezeigt. Doch mit dem Symbol sind nicht alle Fragen beantwortet. Das Kreuz lädt zum Nachdenken ein und entzieht sich einer Eindeutigkeit. Verstehen, Nachvollziehen und Nichtverstehen gehen oft zusammen einher. Um Leid und Tod kommen wir nicht herum. Wir können es versuchen auszugrenzen oder zu verdrängen. Doch wir haben im christlichen Glauben Symbole, die die Fragen aufnehmen, vertiefen - und Hoffnung geben.


Eine gesegnete Passions- und Osterzeit wünscht Ihnen

Ihr Pfarrer Joachim Winkler